Ich werde immer größer – Raumerfahrungen im Kindergarten

Aus der Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Günter Ruddat

  1. Perspektivwechsel  – zur Einstimmung

    Das Kind kommt zum ersten Mal in den Kindergarten und fragt die Erzieherin: „Wo wohnt hier Gott?“ Die Erzieherin nimmt das Kind an die Hand und führt es zum Raum der Stille. Sie zeigt dem Jungen den Raum und der Junge sieht sich neugierig um.
    Nach einer Weile sagt er: „War Gott nicht lieb?“
    Die Erzieherin ist leicht verwirrt und erwidert nur: „Warum, fragst du?“ Der Junge schaut sie an: „Weil er auch eingesperrt ist!“
    Die Erzieherin schweigt einen Moment und antwortet: „Hier ist Gott nicht eingesperrt. Gott ist überall. Aber wir können hier Gott besser spüren.“

  2. Perspektivwechsel

    Erleben wir nun den Raum des ganzen Kindergartens mit den Augen des Kindes.
    So gut dies einem Erwachsenen möglich ist.
    Stellen Sie sich auf einen normal großen Tisch und ein anderer Erwachsener kniet davor.
    So erleben Kinder die Größe des Erwachsenen, so groß sind wir Großen in der Wahrnehmung der Kinder.
    Bleiben sie noch ein wenig auf den Knien. Schauen sie auf den Tisch. Ist dies überhaupt möglich oder sind sie nun zu klein dazu?

    Noch einige Perspektivwechsel:
    Sind sie schon einmal ins Klo geplumpst, weil es einfach so groß ist?
    Da muss man durch, werden einige sagen. Andere werden behaupten, das Töpfchen ist kindgemäßer.
    Das Kind sieht es anders: Endlich auf dem Erwachsenenklo sitzen. Raumerfahrungen sind ambivalent.
    Der Tisch zu groß, der Klo zu groß, die Erwachsenen so groß. Räume und ihre Gegenstände leben von der Magie des Großen. Kinder verfallen dieser Magie. Sie verinnerlichen sie und richten sich daran aus.
    Endlich ein eigenes Kinderfahrrad haben, um in den Kindergarten zu fahren und dabei ganz stolz sein und doch heimlich vom großen Fahrrad der Eltern träumen.
    Endlich in den Kindergarten gehen dürfen und neidvoll gespannt auf die Schultüte des älteren Geschwisterkindes sehen. Für das Kind ist vieles zu groß und es sieht eine Riesen-Welt, einen Riesenraum und ist ganz klein und will und will groß werden. Die Größe, die es sieht, wird als Bedrohung und Sehnsucht, einnehmbar und verunsichernd erlebt.
    Genau diese Ambivalenz aber ist das Förderliche und Fordernde des zu Großen und des Großen überhaupt. Wer klein ist will groß werden – zumindest manchmal oder doch zu meist. Fast jedes Kind will wachsen und wer dies nicht will, verliert schon früh die Motivation zu werden, zu leben, zu träumen und zu gestalten. Die Orientierung am Großen beginnt im Raum, beginnt in der Beheimatung, die der eigene Raum schenkt. Spätestens hier wird der Raum als geistliche Größe erlebt.
    Was Heimat schenkt, bietet Gewohnheit, Sicherheit und Neues. Das Vertraute erlaubt es dem Kind sich auf das Größere einzulassen. Die Orientierung am Großen führt zur Erkundung des Raumes im Kindergarten. Die Orientierung am Großen lässt das Kind das neu eroberte Reich überwinden und führt es in neue Räume. Wer Raum lässt und verlässt, ist auf den nächsten Schritt des Abschiedes und Neubeginnes vorbereitet. Da ist der Weg zu eigenen Ecke, der Weg des ganz persönlichen Rückzuges; ebenso der Weg zu kleinen Gruppen in der Spielecke, es öffnet sich der Weg in den Spielkreis und die Flure werden in Besitz genommen und führen in die Außenwelt des Spielplatzes, des Sportraumes, des Raumes der Stille, in die Küche, ins Mitabeiterinnen(raucher)zimmer, ins Büro oder in den Keller. Schrittweise wird vom ersten Tag dieser gesamte „Raum“ angeeignet, in Besitz genommen, bewältigt und beherrscht. Aus Fremden wird Vertrautes und Vertrauen. Auch hier die Analogie: der Raum wird zum Sinnbild der Möglichkeit im Fremden eine Heimat zu finden und damit in Kontakt zutreten. Raumerfahrungen sind Begegnungen mit Dingen und Menschen, Vorwegnahmen ohne Ende und in jeder bewältigten Vorwegnahme liegt ein Entwicklungsschritt, ein Größer sein und Größer werden. Das Kind im Kindergartenalter erlebt den Raum magisch. Dinge werden zu Menschen, Tieren und Pflanzen. Umgekehrt kann es genauso sein: es wandeln sich die Kindergärtnerinnen zu Wölfen und Katzen, Prinzen werden Frösche, Tische werden Autos. Die Innenwelt wird zur Außenwelt, die Außenwelt zur Innenwelt. Die Selbstgestaltung der Welt hat paradiesische Züge, ja vielleicht sogar etwas Göttliches. Das Kind ist der Schöpfer seiner eigenen Welt, wenn es dies darf. Vielleicht ist die Wahrheit des letzten Satzes auch einer der Gründe, warum Jesus die Erwachsenen immer wieder auf die Kinder verweist.
    Die Kinder im Kindergarten erschaffen die eigene Welt, sie sind dem Schöpfergott sehr nahe, sie sind sein unmittelbares Ebenbild – ohne dies zu erkennen, zu theologisieren und zu reflektieren.
    Wenn sie sind, dann sind sie. Was sagt die göttliche Wirklichkeit über sich: ICH BIN. Nahe an den Kindern? Zu geheimnisvoll? Auch dies müsste bejaht werden, den Kindern brauchen nicht nur Geheimnisse. Besser gesagt: sie leben in Geheimnissen und brauchen sie nur, wenn sie Geheimnisse nicht haben dürfen. Und Räume haben Geheimnisse, Schätze, Überraschendes! Das Göttliche im Kind ist den Erwachsenen auch fremd, es wird skeptisch beäugt, was in der Erwachsenwelt nicht (mehr) ist, darf auch bei Kindern nicht ein. So wird aus der Raumerfahrung ein theologischer Ausflug oder eine geistliche Erkundung. Der Raum wird zur religiösen Erfahrung: Beheimatung, Schöpfung und Gestaltung der Welt. Das Zelt, die Hütte, das Wandern Israels, die Heimatsuche, der Wunsch das eigene Land zu finden (auch eine Metapher für den eigenen Raum), all dies sind Bilder, die dem Kind (vielleicht nicht sprachlich), aber von der eigenen Erlebniswelt her sehr nahe sind. Und besonders eins ist dem Kind nahe: das Größere und Unvorstellbare – Gott. Das Kindergartenkind sucht in seiner magischen Phase hinter die Welt zu schauen und es braucht Räume, die es fördern und schützen. Es sucht das Vertrauen in den Menschen und Erwachsenen und nimmt das vorweg, was die Großen im Bezug auf Gott wissen wollen: Ist Gott verlässlich, eine verlässliche Größe? Ist es gut und möglich Gott zu vertrauen? Der Raum im Kindergarten schenkt Zeit und Raum Geschichten der Menschen mit Gott zu erzählen, zu gestalten und zu erfahren. Geschichten, die nicht einfach und banal sein müssen, aber die Geschichten der Hoffung mit einem guten, heilen, verlässlichen Ende sind, damit der Anfang des Kindes, der immer wieder neue Start ins Leben gut, heilsam und gesegnet ist.

  3. Perspektivwechsel  – liturgische Nachbemerkungen

    Der Raum wird zum geistlichen Raum oft erst durch die Gestaltung und die Feier selbst. Der Raum gewinnt durch die gestaltete Mitte aus Tüchern, Kerzen, Kreuz und Symbolen nicht nur an Farbe, sondern an Ordnungsstruktur und Einladungscharakter. Die Stühle stehen, wenn irgendwie möglich, kommunikativ im Kreis. Eine Kirche mit festen Bänken kann zwar keine Mitte gestalten, aber vor bzw. auf dem Altar durch eine Gestaltung Orientierung bieten. Gerade für interkulturelle Feiern bedarf ein neutraler dritter Ort der geistlichen Gestaltung aus verschiedenen Kulturen und Religionen. Ein dritter neutraler Ort, der keine Gestaltung zulässt, bietet keine Beheimatung und lädt aus. Es muss das Wesentliche einer Religion – nicht vermischt und durchaus jeweils eindeutig – sichtbar werden. Kinder erleben Glauben auch durch Schauen und es wächst der Respekt für und miteinander. Ein zweiter Aspekt ist die Beteiligung der Kinder. Kinder können den Raum mit- und selbst gestalten. Sie brauchen dabei eine gute Balance zwischen Vorgaben und Freiheit. Dies gilt ebenso für Psalmen, Gebete und Lieder und dies ist schlicht möglich, auch wenn die Kinder nicht lesen können. Bei den Psalmen haben sich in diesem Alter einfache Kehrverse bzw. Liedrufe bewährt. Durch die Wiederholung prägt sich das Wesentliche des Psalms ein und vertieft sich. Gleiches gilt für Gebete. Rufe wie z.B. „Gott, begleite uns“ oder „Gott, wir beten zu Dir“ können nach jeder Fürbitte folgen. Sammlung und Beteiligung finden so ganz selbstverständlich statt. Gerade für Kindergartenkinder haben sich kurze Lieder (auch mit Bewegung) z.B. „Gib uns Ohren die hören“ bewährt. Refrainlieder schließen sich hier nahtlos an, oft werden die Refrains voller Inbrunst mitgeschmettert, auch wenn der Inhalt nicht ganz eindeutig bleibt. Wie viele Kinder haben nicht schon „Lauda tussi“ gesungen. Aufklärung ist dann ganz schön, aber auch manchmal zu viel. Selbst Geschichten ermöglichen Beteiligung und aktives Hören des Kindes. Hören ist dem Alter angemessen und regt die eigene Phantasie und Erlebniswelt intensiv an. So werden Schauen und Hören Schlüssel zum Erleben des Glaubens und es ist gut, wenn sie nacheinander geschehen. Medial zusammengeführt (als Film) übersteigt es oft die Wahrnehmungs- und Aufnahmefähigkeit des Kindes. Insofern ist der Gottesdienst in diesem Alter ein Ort des intensiven und angemessenen Erlebens und ganzheitlichen Lebens.

Rüdiger Maschwitz