Und wie war das mit Josef?

Krippenspiel am Heiligabend

 1. Szene

 

Alle auf der Bühne, in Alltagskleidung

Regisseur:     Hallo Leute. Wenn jetzt alle da sind, können wir ja mit der Probe für unser Krippenspiel beginnen. Das wollen wir Weihnachten aufführen, also haben wir nicht allzu viel Zeit zum Proben. Aber die Aufführung soll ganz toll werden! Ich schlage vor, wir starten mit der Verteilung der Rollen. Wer will denn was spielen?

   1:              Ich will der Verkündigungsengel sein! Den Text kann ich noch vom letzten Jahr: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude…“

   2:              Ich möchte einer von den drei Königen sein, dann kann ich meine Krone von Karneval aufsetzen.

   3:              Welche Rolle ist denn die wichtigste? Die will ich haben.

   4:              Müssen wir den ganzen Text auswendig lernen? Dann will ich nicht so viel sagen.

13:               Ich will ein Schaf sein!

Regisseur:     Leute! Beruhigt euch! Nicht alle auf einmal. Fangen wir vorne an. Also, wir brauchen einen Ausrufer…

   5:              Was macht der denn?

   1:              Das ist doch der, der sagt dass sie nach Bethlehem gehen sollen.

   4:              Warum das denn?

Regisseur:     Der Kaiser will, dass sich die Leute in Steuerlisten eintragen lassen. Deshalb schickt er Ausrufer im Land herum, die sagen, dass die Leute in ihre Heimatstädte gehen sollen, um registriert zu werden.

6:                 Darf ich mich dazu als römischer Soldat verkleiden? Dann will ich das machen.

Regisseur:     Gut. Als nächstes brauchen wir zwei Wirte oder Wirtinnen, die kein Zimmer mehr in ihren Herbergen frei haben. (4 und 5 melden sich) Dann brauchen wir vier Hirten (7, 8, 9  und 10 melden sich), einen Verkündigungsengel…

   1:              Ich! Das will ich machen!

Regisseur:     Das hast du ja eben schon gesagt. Wenn das sonst keiner will, ist das in Ordnung. Die drei Weisen aus dem Morgenland…

11:               Das möchte ich gerne.

   2:              Ich auch.

Regisseur:     Gibt es noch einen dritten, der das gerne macht? Nicht? Gut, dann entscheiden wir das eben später. Wer fehlt uns jetzt noch? Ach ja, Maria und Josef.

   3:              Ich will die Maria sein! Die ist total wichtig, oder?

12:               Aber ich will auch die Maria sein. Ich hab so ein blaues Kleid, das kann ich dann anziehen…

   1:              Eigentlich möchte ich auch lieber Maria sein! Engel war ich doch schon letztes Jahr.

Regisseur:     Das ist jetzt schlecht. Wir brauchen nur eine Maria. Dann diskutieren wir das eben gleich noch mal. Und wer möchte den Josef spielen?

Stille, ausweichende Blicke…

Regisseur:     Keiner? Ist das euer Ernst? Niemand will den Josef spielen? Für alle anderen Rollen haben wir jemanden gefunden. Was habt ihr denn gegen Josef?

   6:              Der ist total langweilig. Der trottet einfach nur immer hinter Maria her.

   2:              Ja, und sein Kostüm ist auch blöd.

   8:              Ich war letztes Jahr der Josef. Das war echt öde. Der stand immer nur da, während Maria die ganzen wichtigen Sachen gesagt hat

Regisseur:     Aber wir brauchen doch einen Josef! Das kann doch nicht wahr sein! Josef ist doch total wichtig! Der muss schließlich… (überlegt) Gut, ich weiß auch nicht, wofür Josef gebraucht wird. Aber trotzdem…

   1:              Können wir Josef nicht einfach weglassen? Ich meine, Maria könnte ja auch eine emanzipierte Frau sein, die ohne Mann auskommt.

Regisseur:     Nun ja, da bin ich jetzt etwas überfragt. Aber er steht nun einmal in der Geschichte mit drin. Unsere Zuschauer würden sich sicher wundern, wenn er fehlte. (zu 10) Josef, du heißt doch schon wie die Rolle. Kannst du das nicht übernehmen?

10:               Aber ich bin doch schon ein Hirte!

Regisseur:     Wir können besser mit nur drei Hirten spielen als ohne Josef. Bitte tu mir den Gefallen! Wir wollen doch ein gutes Stück auf die Bühne kriegen! Dazu brauchen wir einen Josef!

10:               Immer muss ich die blöden Rollen übernehmen. Na toll.

Regisseur:     Josef ist bestimmt eigentlich gar nicht so blöd. Du wirst das schon machen.

   3:              Wer ist denn nun die Maria?

Regisseur:     Könnt ihr das nicht unter euch ausmachen?

   1:              Ich will das sein!

   3:              Ich könnte das aber viel besser!

12:               Nein, ich!

Regisseur:     Wenn ihr euch nicht einigen könnt, müssen wir wohl Lose ziehen. (holt ein Kartenspiel heraus) Wer die Herzdame zieht, darf Maria sein.

(alle drei ziehen)

   1:              Ja, ich hab die Herzdame!

   3:              Dann will ich aber der Verkündigungsengel sein.

Regisseur:     (zu 12) Was willst du dann machen? Wir brauchen noch einen dritten Weisen. Ist das in Ordnung für dich?

12:               Ja, da habe ich Lust zu.

   1:              Aber sie ist dann eine Weisin.

13:               Darf ich jetzt ein Schaf sein?

Regisseur:     Nein, in unserem Stück spielt keiner ein Schaf. Aber du hast Recht, du brauchst noch eine Rolle. Sonst noch wer? (14 und 15 melden sich) Dann seid ihr jetzt die Bewohner Nazareths. Gut, dann haben wir die Rollenverteilung ja jetzt geklärt. Ich würde vorschlagen, damit beenden wir die Probe für heute. Hier habt ihr eure Texte. Versucht, sie bis zur nächsten Probe auswendig zu lernen. Das ist echt wichtig, damit wir dann richtig proben können. Wir sehen uns dann nächste Woche!

Alle ab

2. Szene

Regisseur:     Sind dann jetzt alle da? Dann können wir ja mit der zweiten Probe anfangen. Wir starten mit der Szene in Nazareth, wo der Ausrufer den Leuten aufträgt, sich in die Steuerlisten eintragen zu lassen. Können bitte alle, die bei der Szene mitmachen, jetzt nach vorne kommen?

(1, 6, 10, 13, 14 und 15 auf die Bühne. 10 ist sichtlich gelangweilt, steht mit verschränkten Armen da und rattert seinen Text einfach teilnahmslos herunter. Die anderen versuchen, ihre Rollen wirklich zu spielen)

Regisseur:     (zu 6) Du fängst an.

   6:              Ich kann aber meinen Text noch nicht so gut. Ich hatte keine Zeit zum Lernen, weil…

Regisseur:     Na toll. Wir müssen das ja trotzdem proben. Also würde ich sagen, du fängst jetzt einfach mal an. Wenn du nicht mehr weiterweißt, dann sage ich dir deinen Text vor. Bei uns Theaterprofis nennt man das „soufflieren“.

   6:              Hört den Befehl des Kaisers Augustus! Ein jeder… ähm…

Regisseur:     Ein jeder gehe in die Stadt…

   6:              Ach ja! Genau! Ein jeder gehe in die Stadt in der er geboren wurde um sich in die Steuerlisten des Kaisers eintragen zu lassen.

                   Hab ich noch was vergessen?

Regisseur:     Nein, das stimmt schon. Sag es beim nächsten Mal etwas energischer. Wer spricht als nächster?

13:               Ich glaube, ich.

Regisseur:     Dann spielt jetzt weiter. Und spielt es richtig, sagt nicht einfach euren Text auf. Das soll ja schließlich eine überzeugende Aufführung werden.

13:               Habt ihr das gehört?

14:               Was der Kaiser sich wieder alles einfallen lässt…

13:               Er findet auch immer neue Aufgaben, die er seinen Untertanen aufbürden kann.

15:               Nur um uns ehrlich arbeitenden Leuten noch mehr Geld abzuknöpfen.

14:               Immer verlangt er irgendetwas von uns…

13:               Wir sollten uns das nicht einfach gefallen lassen!

15:               Du hast Recht! Wir könnten einen Sitzstreik veranstalten, friedlich demonstrieren oder so etwas.

14:               Das würde doch auch nichts nützen. Die Soldaten würden kommen und uns verjagen. Friedlich wäre das dann nicht mehr. Wir werden einfach tun müssen, was der Kaiser von uns verlangt.

10:               Oje. Das wird ganz schön hart. Wir müssen auch noch bis nach Bethlehem gehen.

14:               (zu Regisseur) Was wollen die denn in Bethlehem?

Regisseur:     Tut mir Leid, da bin ich jetzt etwas überfragt. Das steht halt so in der Geschichte…

   2:              Das hatten wir neulich in der Schule: Nach Bethlehem müssen sie, weil Josef da herkommt.  Also, seine Vorfahren. Josef stammt nämlich ab von dem berühmten König David?

13:               Wer soll das denn sein?

   2:              Über König David gibt es ganz viele Geschichten in der Bibel, habe ich im Reli-Unterricht gelernt. Der war nämlich ein König von Israel, als das noch nicht von den Römern beherrscht wurde. Und als der regiert hat, ging es allen im Land gut.

10:               (etwas interessierter)Also war Josef quasi ein König?

   2:              Nein, Josef war Zimmermann. Aber einer seiner Vorfahren war ein König.

10:               Na dann…

Regisseur:     Das ist ja alles schön und gut, aber das bringt uns mit unseren Proben nicht weiter! Wir müssen jetzt echt mal schauen, dass wir noch ein bisschen was schaffen. Die Aufführung soll schließlich gut werden! Also, wer spricht als nächstes? Maria, oder? Gut, weiter.

   1:              Hoffentlich sind wir zurück, bevor das Kind kommt. Ich möchte es ungern unterwegs zur Welt bringen.

14:               Na, dann macht ihr euch am besten schnell auf den Weg. Gehorchen müssen wir den Befehlen sowieso, da nützt alles Klagen nichts.

15:               Da hast du wohl Recht.

   1:              Ich werde losgehen und ein paar Sachen für die Reise zusammenpacken. Lebt wohl!

13:               Gute Reise!

Regisseur:     Gut, dann gehen alle ab und die Szene ist vorbei. Das war doch schon gar nicht schlecht. Bei der Aufführung macht ihr das aber noch besser. Ausrufer, du musst deinen Text beim nächsten Mal echt besser drauf haben. Das geht so nicht. Was kommt als nächstes? Ach ja, die Szene mit den Wirten in Bethlehem.

   4:              Bin ich dann jetzt dran?

Regisseur:     Ja, bist du. Die Bewohner Nazareths und der Ausrufer können sich wieder hinsetzen, macht bitte die Bühne frei für die Nächsten. Dafür kommen die beiden Wirte auf die Bühne. Maria und Josef, ihr könnt einfach hier bleiben. Du stehst hier (weist 4 einen Platz zu) und du stehst da (weist 5 einen Platz zu). Bei der Aufführung werden da Kulissen stehen, also die Eingänge eurer Wirtshäuser. Das müsst ihr euch jetzt einfach vorstellen. Die sind noch nicht fertig. Maria und Josef kommen von da vorne und klopfen zuerst hier (zeigt auf 4). Alles klar? Dann können wir ja anfangen.

   1:              Oh Josef, ich bin so müde. Müssen wir noch lange weitergehen?

10:               (gelangweilt) Komm, Maria, wir haben es gleich geschafft. Da vorne ist eine Herberge. Da können wir ja mal nach einem Zimmer fragen.

   1:              Ich hoffe, dass wir da auch wirklich einkehren können. Ich glaube, das Kind kommt bald.

10:               Dann frage ich jetzt mal hier nach. Hallo, guter Wirt, haben Sie wohl noch ein Zimmer für meine Frau und mich? Maria erwartet ein Kind…

   4:              Es tut mir leid, aber hier ist gar kein Platz mehr. Versucht es doch da vorne, da ist noch eine Herberge. (weist auf 5)

10:               Danke, das werden wir versuchen. (zu Maria) Lass uns weitergehen. Das Stück werden wir wohl noch schaffen.

Regisseur:     Nein, nein, nein! Das geht so nicht! So kann ich nicht arbeiten! Du kannst doch nicht einfach nur deinen Text runterleiern! Das ist doch total langweilig! Du musst das spielen! Nein, mehr noch: Du musst Josef sein!

10:               Das ist doch blöd! Ich will wirklich nicht Josef sein. Das ist total langweilig.

Regisseur:     Ja und weißt du, warum du das langweilig findest? Du sagst einfach nur Sätze auf. Du musst halt verstehen, wie Josef sich in der Situation gefühlt haben muss.

10:               Na, müde wahrscheinlich. Ist mir auch echt egal, wie der sich gefühlt hat.

Regisseur:     Du willst ihn doch überzeugend spielen. Da musst du dir ein paar Gedanken machen, sonst können wir keine gute Aufführung gestalten. Vielleicht fällt ja jemandem von den Anderen noch etwas ein.

   4:              Die sind doch den ganzen Tag gelaufen. Da sind sie bestimmt fix und fertig.

13:               Und sauer auf den blöden Kaiser, der sie auf diese Reise geschickt hat.

   5:              Bestimmt machen sie sich Sorgen. Weil sie nicht wissen, wo sie schlafen sollen.

   1:              Und Maria ist ja auch noch schwanger.

10:               Maria macht sich doch bestimmt keine Sorgen. Die muss sich ja auch um nichts kümmern. Josef ist doch der, der die Herberge suchen muss.

   1:              Pah! Maria könnte auch prima allein ein Zimmer in einer Herberge besorgen.

10:               Tja, macht sie aber nicht. Die jammert nur rum. Und Josef muss nicht nur ertragen, dass ihn alle Herbergswirte abweisen sondern auch noch das Gejammer erdulden.

   1:              Aber der Josef ist ja auch schuld an dem Ganzen. Sie gehen doch wegen seiner Abstammung nach Bethlehem.

10:               Ja, vielleicht gehen sie wegen ihm da hin, aber er kann doch nichts dafür.

   1:              Pah!

10:               Ich hoffe nur, dass die echte Maria nicht so eine blöde Ziege war, wie du es bist.

Regisseur:     Also streiten hilft uns sicher nicht weiter. Eigentlich wollen wir uns doch nur gut auf unsere Aufführung vorbereiten. Also noch mal kurz zusammengefasst, was du wissen musst, um Josef zu spielen: Was geht in ihm vor?

10:               Er ist müde und genervt und er macht sich Sorgen um seine Frau, weil die sich so anstrengen muss, obwohl sie schwanger ist.

   4:              Ja, wenn man schwanger ist, darf man sich nicht anstrengen. Bevor mein kleiner Bruder kam, musste ich immer meiner Mutter helfen, weil die nichts Schweres heben durfte.

10:               So ungefähr. Außerdem hat er ein schlechtes Gewissen, weil sie ja seinetwegen die blöde Reise machen muss.

Regisseur:     In Ordnung. Jetzt spielen wir die zweite Hälfte der Szene und du verwendest alles, was du jetzt über Josef weißt, um ihn überzeugend zu spielen.

10:               (klopft bei 5, spielt ab jetzt seine Rolle überzeugender) Bitte, guter Wirt, haben Sie ein Zimmer für meine Frau und mich? Wir sind seit Tagen unterwegs und erschöpft und Maria erwartet ein Kind.

   5:              Es tut mir Leid, aber ich habe wirklich keinen Platz für euch. Geht doch weiter, da hinten gibt es noch ein paar Wirtshäuser. Aber ich fürchte fast, dass die auch nichts mehr haben.

   1:              Josef, so weit kann ich aber nicht mehr gehen.

10:               (legt seinen Arm um Marias Schulter) Keine Sorge, wir finden schon etwas. (zum Wirt, völlig verzweifelt)Können Sie uns nicht irgendwie helfen? Wir brauchen auch nicht viel! Eine ruhige Ecke zum Ausruhen reicht uns schon. Aber ich kann doch meiner schwangeren Frau nicht noch mehr Anstrengung zumuten.

   5:              Mein Haus ist wirklich voll. Auch mein eigenes Schlafzimmer habe ich schon vermietet. Im Moment sind einfach viele Leute hier in Bethlehem. Wegen der Volkszählung.

   1:              Soll ich denn mein Kind im Straßengraben zur Welt bringen?

10:               Sie müssen doch irgendetwas tun können!

   5:              Ich besitze noch einen alten Stall, da vorne. Den könnt ihr haben, wenn euch das reicht. Da seid ihr wenigstens vor Wind und Wetter geschützt.

   1:              Vielen Dank!

10:               Danke sehr! Sie helfen uns damit wirklich sehr!

(1 und 10 gehen zum Stall, 10 kümmert sich dabei um 1)

Regisseur:     Das war doch schon viel besser. Leider ist unsere Probenzeit schon wieder vorbei. Wir sehen uns dann nächste Woche!

3. Szene 

Regisseur:     Hallo Leute! Schön, dass ihr da seid. Lasst uns am besten gleich anfangen zu proben. Wisst ihr, was mir noch eingefallen ist? Wir haben bisher noch gar nicht die Anfangsszene geprobt. Also beginnen wir mit der Szene, in der Maria vom Engel gesagt bekommt, dass sie ein Kind bekommen soll. Dafür brauche ich erstmal nur Maria und den Verkündigungsengel auf der Bühne.

10:               Und was ist mit Josef? Wird der in der Szene nicht gebraucht?

Regisseur:     Nein, das steht doch in deinem Text. Du kommst in der Szene nicht vor.

10:               Ich hab da mal zuhause drüber nachgedacht. Eigentlich geht es ja hier auch um sein Leben. Da sollte er doch auch dabei sein.

   1:              Wieso geht es hier um ihn? Maria ist doch diejenige, die schwanger werden soll. Also geht das doch eigentlich nur sie etwas an.

10:               Wieso sollte das nur Maria etwas angehen? Josef muss doch genauso für das Kind sorgen und Verantwortung übernehmen wie sie. Das haben wir doch letztes Mal gemerkt. Da musste ich mich nicht nur um das Kind sorgen, sondern mich auch noch darum kümmern, dass du einen Schlafplatz hast. Eigentlich verstehe ich nicht, wieso das dann nicht auch mir verkündigt wird.

Regisseur:     Da bin ich jetzt auch überfragt. Aber das steht nun einmal so in der Geschichte drin. Vielleicht sollten wir jetzt einfach mal proben.

   1:              Finde ich auch. Maria ist schließlich die Mutter von Jesus. Das ist viel wichtiger. Und überhaupt, eigentlich ist doch Gott der Vater. Wieso brauchen wir dann überhaupt einen Josef?

10:               Hey! Ohne Josef wäre Maria überhaupt nicht zurechtgekommen! Eine Frau mit Kind, die keinen Mann hatte, hatte damals kaum eine Chance. Das ging damals gar nicht. Und außerdem, wieso soll Josef bitte nicht auch Jesus’ Vater sein können?

   5:              Also ich habe auch zwei Väter! Der eine wohnt bei meiner Mama und mir und den anderen besuche ich immer am Wochenende.

10:               Sag ich doch! Man hat gar nicht immer nur einen Vater. Und selbst wenn. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

   1:              Ich finde trotzdem, dass die Maria wichtiger ist.

   3:              Könnt ihr damit mal aufhören? Wir wollen hier doch proben. Lasst uns das einfach so machen, wie es in der Bibel steht.

   1:              Genau. Und in der Bibel steht nur etwas von Maria und dem Engel.

   2:              Ich glaube, das stimmt gar nicht. Neulich hat meine Mutter mir die Geschichte erzählt, da war auch etwas mit Josef und einem Engel. Ich schaue mal eben nach, vielleicht finde ich die Geschichte ja wieder.

10:               Tu das. Das finde ich gut. Ich finde nämlich, dass Josef dazugehört.

Regisseur:     Hey, wir können jetzt nicht die ganze Zeit darüber diskutieren, wer in der Szene dabei ist. Wir haben schließlich in zwei Wochen Premiere. Maria, Verkündigungsengel, ihr kommt jetzt vor und spielt das mal.

(1 und 3 kommen vor, 2 blättert im Hintergrund in der Bibel)

   3:              Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben und sein Reich wird kein Ende haben.

   1:              Wie soll das zugehen, da ich doch noch keinen Mann habe?

   3:              Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.

   1:              Ich gehöre ganz dem Herrn. Mir geschehe, was du gesagt hast.

Regisseur:     Gut, das war’s schon mit der Szene. Dann proben wir jetzt die Szene mit den Hirten auf dem Felde.

10:               Moment mal! Das war’s noch gar nicht. (zu 2) Hast du die Geschichte wieder gefunden?

   2:              Ja. Ich lese euch mal vor, was in der Bibel steht. Hört zu: (liest vor) „Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Verlobte, zu dir zu nehmen; denn was sie erwartet, das ist vom heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“

   1:              Josef wollte Maria verlassen? Wie konnte er nur? Das ist doch wirklich nicht richtig.

10:               Ach, ich denke, du bist eh der Meinung, Maria käme ohne Mann aus.

   1:              Ja klar, aber es ist trotzdem ganz schön gemein, einfach abzuhauen.

10:               Nicht, wenn die Frau so doof ist wie du. Wenn ich so darüber nachdenke, kann ich ihn auch irgendwie verstehen. Die beiden waren ja noch nicht einmal richtig verheiratet. Und so ein Kind ist ja ganz schön viel Arbeit. Und Verantwortung. Das kann einem schon mal Angst machen.

   1:              Und du meinst, das wäre ein Grund, abzuhauen? Maria hat sich doch schließlich auch nicht so angestellt. Die hat einfach „In Ordnung“ gesagt. Es ging hier schließlich nicht um irgendein Kind, sondern um Gottes Sohn. Sie hat quasi geholfen, die Welt zu retten.

10:               Ja, aber ihr wurde das auch richtig erklärt. Da kam ein richtiger Engel. So ein richtiges göttliches Zeichen. Der Engel hat ihr gesagt, dass sie was ganz Besonderes ist. Sie konnte sehen, dass das, was sie macht, echt wichtig und Teil eines göttlichen Plans ist. Also konnte sie darauf erstmal stolz sein.

   1:              Das ist ja auch etwas, auf das man stolz sein kann.

10:               Und Josef? Wie hätte er darauf stolz sein können? Der musste einfach der Maria glauben, dass das Gottes Kind ist. Also ich hätte doch gedacht, die denkt sich was aus, die will sich nur aufspielen, will angeben mit ihrem Superkind. Für ihn war das doch einfach eine neue, echt anstrengende Aufgabe. Und eine durchgeknallte Verlobte noch dazu.

   5:              Kein Wunder, dass er abhauen wollte. Der muss doch das Gefühl gehabt haben, Maria nimmt ihn nicht für voll, sondern erzählt ihm irgendwelchen Unsinn.

   3:              Oder dass sie selbst verrückt ist.

   5:              Man glaubt ja nicht einfach seiner Verlobten, wenn sie sagt, ihr wäre ein Engel erschienen.

10:               Genau das meine ich!

   2:              Aber dann hat er ja zum Glück selbst den Engel gesehen.

10:               (zu 1) Da siehst du auch, dass Josef nicht unwichtig ist. Gott hat ihm extra einen Engel geschickt, damit er nicht abhaut. Das heißt ja wohl, dass er gebraucht wurde.

Regisseur:     Das ist ja alles schön und gut, aber es hilft uns im Moment auch nicht besonders. Wir können ja jetzt nicht einfach das Stück umschreiben. Wenn wir das jetzt auch noch einbauen, dann wird die Aufführung zu lang. Das können wir nicht machen. Damit verärgern wir die Zuschauer.

10:               Aber…

   3:              Sag mal, irre ich mich oder kommt Josef nicht eigentlich auch indirekt in dem vor, was ich Maria über Jesus sage? „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben“, das heißt doch, dass er ein Nachkomme von König David ist, oder?

10:               Ja, und mit König David bin ich verwandt, nicht Maria oder der heilige Geist…

Regisseur:     Unsere Probenzeit ist langsam zu Ende. Wir können jetzt auch echt nicht mehr das ganze Stück umschreiben, nur damit Josef besser rauskommt. Also würde ich sagen, wir vergessen das Thema einfach und wenden uns in der nächsten Probe einer anderen Szene zu. Sonst werden wir ja nie fertig.

10:               Dass wir nicht mal eben das ganze Stück ändern können, verstehe ich. Aber immerhin wissen jetzt alle Leute, die hier mitspielen, (Seitenblick zu 1), was für eine wichtige Rolle Josef hier spielt.

4. Szene:

 Regisseur:     Nachdem wir letztes Mal so viel Zeit mit der Verkündigungsszene verschwendet haben, müssen wir heute wirklich ohne große Diskussionen durchproben, damit wir vor unserer Vorführung alles schaffen. Ich erinnere euch noch mal daran, dass es echt wichtig ist, dass ihr richtig spielt. Die Hirten am Feuer sollen richtig das Gefühl vermitteln, ihnen wäre kalt und sie wären hungrig…

   3:              Aber ich hab noch ein Problem! Du hast gesagt, der Engel wäre genauso wichtig wie Maria. Aber ich habe mal nachgesehen und der Engel hat viel weniger Sätze zu sagen. Das ist total ungerecht! Ich will auch so viele Sätze haben. Ich hab gezählt, dass Maria 23 Sätze hat und ich nur 13. Das ist echt ungerecht!

Regisseur:     Oje. Da kann ich jetzt gar nicht so viel zu sagen. Da musst du jetzt wohl mit leben.

10:               Überleg doch mal. Maria mag vielleicht mehr Sätze zu sagen haben als du, aber deine Sätze sind eigentlich doch viel wichtiger. Ich meine, du verkündest die frohe Botschaft, die zum Beispiel das Leben dieser armen Hirten völlig verändert.

Regisseur:     Wir proben das jetzt einfach mal, würde ich sagen. Also, Hirten, auf die Bühne mit euch.

(7, 8, 9 treten auf)

7:              Endlich sind die Schafe versorgt.

8:              Ja, jetzt können wir uns ein bisschen am Feuer wärmen.

9:              Auch wenn dieses Feuer wirklich ziemlich klein ist.

7:              Ja, es schafft es nicht wirklich, die Dunkelheit der Nacht zu vertreiben.

9:              Heute ist auch wirklich kein Stern zu sehen. Und der Mond leuchtet uns auch nicht.

8:              Als gäbe es an dieser Nacht überhaupt nichts Gutes.

7:              Es gibt eh nicht viel Gutes für uns Hirten. Wir verbringen die Nächte hier draußen, bei Dunkelheit und Kälte…

8:              Nur unsere Schafe als Gesellschaft.

9:              Und der Rest der Welt vergisst, dass es uns gibt.

8:              Die Bewohner Bethlehems sitzen sicher gerade in ihren Häusern und essen gemütlich zu Abend.

7:              Und wir haben nur noch diesen einen Kanten Brot, den wir uns teilen müssen.

9:              Selbst unseren Schafen geht es besser als uns. Die werden von uns auf einer grünen Aue geweidet und zum frischen Wasser geführt.

8:              Ja, denen mangelt es an nichts.

7:              Wie es wohl wäre, abends einfach satt und gemütlich in seinem Haus zu sitzen?

8:              Ob sich die Menschen, denen es so geht, wohl auch mal fragen, was Arme wie wir auf unserem Hirtenfeld so machen?

7:              Ich glaube, die anderen Menschen denken nicht einmal daran, dass es uns gibt.

9:              Natürlich nicht. Wer denkt schon gerne an die Probleme anderer? Da schaut man doch lieber, dass man selbst bekommt was man will.

8:              Das kann doch nicht sein, dass man einfach die vergisst, denen es schlecht geht.

9:              Ich glaube manchmal, selbst Gott hat uns vergessen.

8:              Ich glaube, die Nacht wird etwas heller.

7:              Ja. Vielleicht reißt die Wolkendecke auf und wir können den Mond sehen.

9:              Nein, das Licht kommt von woanders.

Engelchor tritt auf, singt Gloria

3:              Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Engelchor singt noch mal Gloria und geht ab.

8:              Ein Engel auf unserem Hirtenfeld. Der Heiland ist uns geboren, hat er gesagt.

9:              Vielleicht hat Gott uns ja doch noch nicht vergessen.

7:              Hört auf zu quatschen. Lasst uns lieber losgehen und das Kind suchen, von dem der Engel gesprochen hat.

 5. Szene:

Regisseur:     Heute haben wir unsere letzte Probe. Inzwischen müsstet ihr alle euren Text perfekt können. Wir haben jetzt nur noch eine Szene nicht geprobt: das große Finale. Also die Szene im Stall, mit Hirten, Weisen und allem drum und dran. Das muss dringend gut werden! Schließlich ist das Ende das, was die Zuschauer am besten im Gedächtnis behalten. Also, Maria und Josef sind im Stall, das Kind liegt in der Krippe. Als erstes kommen dann die Hirten dazu und erzählen von ihrem Erlebnis. Dann knien sie sich hin und die Weisen kommen dazu. Alles klar?

(1 und 10 sitzen im Stall; 7, 8, 9 kommen)

   7:              Seht mal, da ist ein Stall.

   8:              (zu Maria und Josef) Zu uns hat ein Engel gesprochen. Er hat gesagt, der Messias wäre geboren und läge hier in einer Krippe.

   9:              Und dann haben die Engel für uns gesungen – wunderschön!

   1:              Bitte kommt doch herein. Das Kind hat den Namen Jesus. Das heißt Gott rettet.

(7, 8, 9 knien sich vor die Krippe)

(2, 11, 12 treten auf)

   2:              Wir kamen aus fernem Lande, weil wir einen Stern erblickten, der uns imposant schien.

11:               Wir interpretierten, er künde von großen Ereignissen.

12:               Wir erwarteten, einen neuen König zu erblicken, aber nun führte uns der Stern zu diesem Stall.

   1:              Bitte kommt herein. Was ihr erwartet habt, findet ihr hier wirklich. Großes ist in diesem… (stockt) …in diesem… ähm…

Regisseur:     Oh man, kannst du deinen Text etwa immer noch nicht? Wir haben doch morgen schon die Aufführung.

   1:              Ja, aber das ist doch so ein langer, komplizierter Einsatz.

10:               Aber das, was du sagen willst, ist doch eigentlich ganz einfach: Gott hat uns das größte Geschenk gemacht, das er uns machen konnte. Er hat uns seine Liebe geschenkt. Durch seinen Sohn ist er zu uns gekommen, um bei uns zu sein.

   1:              Warum kannst du dir das so gut merken? Das ist doch echt ganz schön viel Text…

10:               Verstehst du denn gar nichts? Es geht doch hier nicht darum, deinen Text auswendig zu lernen! Eigentlich geht es auch nicht darum, dass ich nicht den Josef spielen wollte…

Regisseur:     Nein, es geht darum, dass wir eine gute Aufführung haben. The show must go on.

10:               Nein! Eigentlich ist das doch alles nicht so wichtig. Es geht doch um etwas ganz anderes. Das habe ich auch erst verstehen müssen. Erstmal sehen wir alle nur die Arbeit, die etwas für uns bedeutet. Wir haben uns alle so sehr gestresst für diese Aufführung, haben unsere Texte gelernt, Kulissen gebaut, ewig gestritten, welche Rolle die wichtigste ist. Oder unsere Eltern, die bei Weihnachten nur noch an Stress denken und daran, dass sie Geschenke kaufen und das Haus putzen und Essen kochen müssen. Sogar bei Maria und Josef ist das so. Josef will eigentlich viel lieber weglaufen als bei seiner Frau und dem ungeborenen Kind zu bleiben. Als Gott ihm dann den Auftrag gab, sich um die beiden zu kümmern, wollte er das eigentlich nicht. Wir vergessen über unserem Stress, über unserem Ärger über die viele Arbeit, dass es auch noch etwas anderes gibt. Erst fragen wir uns immer „Muss das jetzt wirklich sein?“, aber am Ende stehen wir alle hier an der Krippe und erinnern uns, dass es ja eigentlich um etwas viel wichtigeres geht: Gott liebt uns und schenkt uns seine Liebe durch seinen Sohn. Wäre Josef wirklich abgehauen, wie er das wollte, anstatt mit Maria nach Bethlehem zu gehen, hätte er dieses Wunder nicht erlebt. Und wenn ich abgehauen wäre, wie ich das wollte, anstatt den Josef zu spielen, dann wäre ich heute nicht hier, dann würde ich nicht an der Krippe stehen und sehen, was Gott auch mir für ein unglaubliches Geschenk gemacht hat. Und eigentlich sollten wir dieses Stück nicht einfach nur spielen, um eine gute Aufführung hinzulegen, sondern vor Allem, um den Leuten im Publikum diese Botschaft nahe zu bringen. Um sie mitzunehmen an die Krippe, damit sie dieses Wunder erfahren können. Das ist es doch eigentlich, worum es an Weihnachten wirklich geht.

Lied: Ich steh an deiner Krippen hier

(währenddessen kommt der Regisseur näher an die Stallszene heran, kniet sich am Ende auch an die Krippe)

Geschrieben von Rebekka Saß